Der Traum vom Segelparadies und die Frage, warum wir segeln
Es gibt Törns, die bleiben für immer in Erinnerung. Nicht, weil alles perfekt lief – sondern, weil sie einen prüfen, fordern und am Ende genau das bestätigen, was man längst weiß: Segeln ist die teuerste und unbequemste Art, langsam zu reisen – aber eben auch die schönste.
Ein Jugendtraum nimmt Kurs
Für uns, Björn und Sara von der Wilden Hilde, war der Sommer 2025 genau so ein Törn. Unser Ziel: endlich Anholt – diese kleine Insel mitten im Kattegat, von der unter Seglern seit Generationen geschwärmt wird. Ein Traum, der über 30 Jahre in Björns Kopf schlummerte.
Damals, in der Jugendgruppe des SVK, durfte er nur die Rücktour ab Grenaa segeln – nicht den Hinweg. Schon damals stand fest: Eines Tages segle ich selbst nach Anholt.
Nach einem Jahr Umbau auf Elektromotor und einem Sommer voller Planungen war klar: 2025 wird das Jahr. Doch wie das beim Segeln so ist – der Plan ist nur die halbe Wahrheit.
Von Kiel Richtung Norden – und gleich der erste Stresstest
Nach einem letzten Partyabend zum Soundcheck der Kieler Woche startete die Wilde Hilde voller Vorfreude gen Norden. Die Route war klar: über den kleinen Belt, hoch Richtung Kattegat. Die Stimmung: euphorisch. Der Wind: zunächst perfekt – die Genua stand wie gemalt in der Sonne.
Doch noch bevor die Kieler Bucht achteraus lag, war’s vorbei mit der Idylle. Der Wind schlief ein, das Wasser wurde spiegelglatt, die Segel hingen schlaff hinunter. Statt „Urlaubsfeeling mit Kurs auf Als“ gab’s also kurzerhand Fischbrötchen in Maasholm. Lektion Nummer eins: Segeln lässt sich nicht planen.
Tags darauf dann das Gegenteil: Viel Wind und ein Regenschauer der Kategorie Weltuntergang traf uns vor Fynshav. Man sah praktisch nichts mehr, der Regen kam waagerecht. Wir haben nur noch gerefft, das Vorsegel eingerollt und gehofft, dass keine Fähre in der Nähe ist.
Doch die Hilde hielt durch. Nach zwanzig Minuten war alles vorbei – Sonne, Halbwind, und das Boot rauschte weiter nach Assens, als wäre nichts gewesen.
Ein erster Test bestanden. Urlaub? Noch nicht. Aber Segeln pur – und Lektion Nummer zwei: Der Weg ist das Ziel.
Die teuerste und unbequemste Art, langsam zu reisen
In Middelfart gab’s zur Belohnung die wohl beste Pizza Dänemarks bei Papas. Der Tag dorthin war zäh: Nieselregen, Kreuzkurs, Gegenströmung – alles nass. Und irgendwann kam die Frage: Warum machen wir das eigentlich? Aber jeder Segler kennt die Antwort. Genau deshalb.
Von Middelfart aus ging’s weiter nach Tunø, dann nach Ebeltoft. Die Sonne zeigte sich, die gute Laune kehrte zurück. Ebeltoft – das ist einfach hyggelig: kleine Gassen, alte Häuser, ein Abendessen am Rathausplatz, Sonne an Deck. Der Wind hatte sich beruhigt. Es sah aus, als würde der Plan endlich funktionieren.
Doch auf See ist nichts planbar. Vor dem Auslaufen aus Ebeltoft frischte der Wind wieder auf – 6 Beaufort aus West. Mit Vollgas des E-Antriebs kämpften wir uns von der Küste weg, um Segel setzen zu können, und segelten dann sportlich mit Halbwind zum Tagesziel Grenaa. Das Ziel rückte näher: Anholt! Plötzlich greifbar.
Der siebte Tag – und der Traum wird wahr
Sechs Stunden achterliche Welle, grauer Himmel, kalter Wind, einfach ungemütlich – und dann:
Die Silhouette von Anholt am Horizont. Land in Sicht!
Nach über 30 Jahren zum ersten Mal das Ziel vor Augen. Das Anlegen an der Heckboje klappte wie aus dem Lehrbuch, der Bug stand im Wind, die Sonne kam durch. Das war Gänsehaut pur. Ein Traum wurde wahr. Und wir spürten alles gleichzeitig: Erschöpfung, Stolz, Freude. Das Einlaufbier schmeckte wie nie zuvor.
Doch Anholt zeigte sich von seiner rauen Seite. Der empfohlene Spaziergang „mal eben“ zum Leuchtturm wurde zum Wüstenmarsch. Bei 7 bis 8 Beaufort peitschte der Sand durch die Luft – ein Peeling, für das andere viel Geld zahlen würden. Am Leuchtturm angekommen: Robben in der Ferne, das Meer preschte über die Steine, kein Mensch weit und breit.
Der Rückweg gegen den Wind wurde zur Prüfung. Stundenlang Sand im Gesicht, müde Beine und stumpfes Marschieren durch den Sand. Alle 50-80 Meter ein Holzpfosten mit Nummer – 100, 99, 98… Bei den ersten dachte man noch: Nur 100 Pfähle! Immer noch 50? Immer noch 30. Wo ist das Taxi? Wir sind definitiv über unsere Grenze gegangen.
Zwischen Paradies und Prüfstein
Zurück im Hafen heulte der Wind durch die Masten. Der Windmesser zeigte bis zu 9 Beaufort und das Kattegat peitschte über die Mole. Das Boot doppelt, dreifach gesichert – und trotzdem eine unruhige Nacht. Am Morgen dann Sonne über der Insel – und die Versöhnung.
Endlich Urlaub. Einfach mal nichts tun. Sitzen. Schauen. Atmen. Ein kleiner Ausflug ins Dorf, abends ein Drink in der Orakel Bar, Sonnenuntergang, eine Brise in den Haaren. Doch die Windvorhersage trieb uns zurück.
Der Weg zurück – Gegenwind, Gischt und kleine Wunder
Statt weiter nach Schweden hieß es: Rückkurs. Westwind, Fronten, Regen – und ein Elektromotor, der beweisen durfte, was er kann.
Als der Wind über Stunden einschlief, kam das erste echte Vertrauen: Mit leisem Surren lief die Hilde in Øer ein – perfekt geschützt, Stromanschluss für die Akkus, Ruhe im Hafen.
Über Kerteminde, Omø und Svendborg ging’s weiter Richtung Süden. Jede Etappe ein neuer Test, jeder Hafen eine kleine Erholung. Und dann – endlich – Årøskøbing. Sonne, frischer Fisch, Strandhütten – und dieser Moment, in dem man weiß: Jetzt ist endlich Urlaub.
Ein Tag, der alles entschädigte
Vier Tage hätten wir noch gehabt. Aber mit schlechten Wettervorhersagen im Nacken entschieden wir uns, direkt nach Hause zu segeln. Durch die Enge bei Birkholm, vorbei an Marstal, Kurs auf den Kieler Leuchtturm – bei herrlicher Sonne, perfektem Wind und somit bestem Segelwetter. Dieser Tag war wie ein Geschenk. Es war, als würde Rasmus sagen: Ihr habt den Test bestanden.
Der letzte Tag war Belohnung pur.
Vier Tage hätten wir noch gehabt. Aber mit schlechten Wettervorhersagen im Nacken entschieden wir uns, direkt nach Hause zu segeln. Durch die Enge bei Birkholm, vorbei an Marstal, Kurs auf den Kieler Leuchtturm – bei herrlicher Sonne, perfektem Wind und somit bestem Segelwetter. Dieser Tag war wie ein Geschenk. Es war, als würde Rasmus sagen: Ihr habt den Test bestanden. Der letzte Tag war Belohnung pur.
Und dann das Finale: Exakt mit dem Zieleinlauf der Mittwochsregatta liefen wir in die Schwentinemündung ein – bei bestem Sonnenschein und unter großem Hallo. Es war, als würde die Förde selbst uns willkommen heißen. Spontan wurden wir zur Siegerehrung eingeladen und ließen den Abend in geselliger Runde an Bord mit SVS-Mitgliedern ausklingen.
Fazit eines Traums
Blasen an den Händen, Salz auf der Haut, unzählige Wellen, Regen, Wind, Kälte – und auf der anderen Seite Geschichten fürs Leben. Das Gefühl, über sich selbst hinausgewachsen zu sein.
Wir haben gelernt, dass Segeln nicht nur Reisen ist, sondern ein Spiegel. Segeln zeigt dir, wer du bist, wenn’s unbequem wird – und wie glücklich man sein kann, wenn alles passt. Man lernt Geduld, Mut und Loslassen. Manchmal verliert man gegen den Wind, aber gewinnt dabei etwas viel Wichtigeres: Ruhe.
„Segeln ist kein Weg, dem Alltag zu entfliehen.
Segeln ist der Weg, zu sich selbst zu finden.“
Und irgendwo zwischen Kiel und Anholt, zwischen Sturm und Flaute, hat die Wilde Hilde genau das getan.
Der Traum von Anholt ist erfüllt – aber der nächste Kurs ist natürlich schon im Kopf. Denn Segeln ist vielleicht unbequem. Aber es ist das Leben in seiner schönsten, ehrlichsten Form. Und manchmal ist der Rum im Tee einfach das, was dich lächeln lässt.
Nachklang
Vielleicht ist das der Grund, warum wir immer wieder rausfahren, obwohl wir die Antwort längst kennen. Segeln ist nicht bequem, nicht immer schön, manchmal kalt, oft nass – aber jedes Mal echt.
Und wenn dann, nach all dem Wind aus der falschen Richtung, nach all dem Regen, die Sonne durchbricht und das Schiff läuft, weiß man: Dafür machen wir das.
Wir haben unsere Reise bzw. die Prüfung von Rasmus als Inspiration für einen Song genommen, um Euch unser Gefühl vom Segeln spürbar mitzugeben. Wir haben ihn “Nur wer verliert, gewinnt” genannt. Hört doch mal rein.
Björn Willnat und Sara Rix
Crew Wilde Hilde



